Studie: Wie hängen psychologische Aufgabenmerkmale mit betriebswirtschaftlichen Kennzahlen zusammen?

Eine hohe Partizipationsmöglichkeit ist ein wichtiges Aufgabenmerkmale, das Leistung und Wohlbefinden von Mitarbeitern fördert. Und auch mit Gewinn und Fluktuation zusammenhängt. Foto: pressmaster – Fotolia.com

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Dass die Gestaltung von Aufgaben Einfluss auf die Leistung und das Wohlbefinden der Mitarbeiter haben, zeigen sowohl die alltäglichen Erfahrungen in Unternehmen als auch die vielen hierzu durchgeführten Untersuchungen der Arbeitspsychologie und verwandter Disziplinen.

Beispielsweise sind die Anforderungsvielfalt, die Ganzheitlichkeit der Aufgabe, der Entscheidungs- und Kontrollspielraum (Autonomie), Rückmeldungen aus der Aufgabenerfüllung sowie die soziale Unterstützung bei der Arbeit wichtige Ressourcen, die das Ausmaß psychosomatischer Beschwerden vermindern und die Wirkung von Stressoren wie hoher Arbeitsintensität und Zeitdruck abfedern. Gleichzeitig fördern solche Aufgabenmerkmale die intrinsische Motivation, die Qualität der Arbeitsleistung, die Arbeitszufriedenheit und führen zu einer niedrigen Abwesenheit und Fluktuation (vgl. z.B. Ulich, 2011).

Wenige Studien liegen jedoch zur Frage vor, wie und wie genau verschiedene psychologische Aufgabenmerkmale mit betriebswirtschaftlichen Kennzahlen zusammenhängen, wie dem Gewinn und dem Umsatz eines Unternehmens. Mirko Degener (2004) untersuchte hierzu für seine Doktorarbeit 28 kleine und mittelständische IT-Unternehmen mit insgesamt 2.856 Mitarbeitern. Einen Ausschnitt aus seinen Ergebnissen finden Sie in der folgenden Abbildung (siehe auch Ulich, 2011, S. 552).

Abbildung: Wie hängen psychologische Aufgabenmerkmale und betriebswirtschaftliche Kennzahlen zusammen? Ergebnisse von Degener (2004, 2003) aus 28 IT-Unternehmen mit 2.856 Mitarbeitern (Spearman-Rangkorrelationen: 1 = maximaler positiver Zusammenhang, 0 = kein Zusammenhang, – 1,00 = maximaler negativer Zusammenhang). Gekürzte Darstellung aus Ulich (2011, S. 552).

 

Wie der erste Blick offenbart, finden sich über alle fünf psychologischen Aufgabenmerkmale durchweg sehr hohe Zusammenhänge mit dem Gewinn, dem Umsatz sowie sehr hohe negative Zusammenhänge mit dem Krankenstand und der Fluktuation.

Degener berechnete hierzu die Rangkorrelationen nach der Formel von Charles Spearman (ein britischer Psychologe und Offizier, der von 1863 bis 1945 lebte) zwischen den Aufgabenmerkmalen und den Kennzahlen. Ein Wert von 1,00 bedeutet hier einen maximalen positiven Zusammenhang, ein Wert von 0,00 zeigt keinen Zusammenhang und ein Wert von – 1,00 ist ein maximaler negativer Zusammenhang zwischen zwei Faktoren.

Nehmen wir z.B. die Ganzheitlichkeit eine Tätigkeit heraus: Wie die Forschung zeigt, sind ganzheitliche (oder vollständige) Aufgaben, die planende, ausführende und kontrollierende Teilaufgaben umfassen, verbunden mit dem Erleben der Bedeutsam- und Sinnhaftigkeit der eigenen Arbeit und der Rückmeldung über den eigenen Arbeitsfortschritt.

Doch wie die Ergebnisse der Studie zeigen, hängt die Ganzheitlichkeit einer Tätigkeit über 28 IT-Unternehmen hinweg auch sehr stark mit dem Gewinn und dem Umsatz zusammen. Anders ausgedrückt: Je mehr Mitarbeiter also eine ganzheitliche Tätigkeit ausüben, desto höher fällt auch der Gewinn und der Umsatz für das Unternehmen aus (wenn gleich dieses Ergebnis keinen Ursache-Wirkung-Zusammenhang bedeutet).

Auch in Bezug auf den Krankenstand und die Fluktuation finden wir interessantes Ergebnisse: Je mehr vollständige Tätigkeiten in den untersuchten Unternehmen vorhanden sind, desto weniger Mitarbeiter fehlen durch AU-Tage und desto weniger Mitarbeiter verlieren sie.

Ähnliches gilt für die anderen Aufgabenmerkmale: Qualifikationsanforderungen, Aufgabenvielfalt, Tätigkeitsspielraum und Partizipationsmöglichkeiten. Auch hier steigen Gewinn und Umsatz und sinken Krankenstand sowie Fluktuation, je höher diese Aufgabenmerkmale ausgeprägt sind.

Wie die Ergebnisse nahelegen, haben demnach psychologisch gut gestaltete Aufgaben nicht nur starke direkte Effekte auf die Leistung und die Gesundheit der Mitarbeiter, sondern auch starke indirekte Effekte auf den Gewinn und den Umsatz eines Unternehmens. Zwar kann der Autor hier, wie bei Korrelationsstudien üblich, nicht einen kausalen Zusammenhang belegen, doch scheint es unwahrscheinlich, dass z.B. der Gewinn eine vollständige Tätigkeit schafft, oder dass eine Drittvariable als gemeinsame Ursache in Frage kommen.

Fazit: Als eine von wenigen liefert die Studie von Degener (2004) Zahlen zum Zusammenhang zwischen psychologischen Aufgabenmerkmalen und betriebswirtschaftlichen Kennzahlen. Zusammen mit den Ergebnissen zum Einfluss von Aufgabenmerkmalen auf Leistung und Wohlbefinden machen sie deutlich, wie wichtig eine mitarbeiterorientierte Aufgabengestaltung für den Unternehmenserfolg ist und warum bei organisationalen Veränderungen, Restrukturierungen und neuen Arbeitsabläufen diese zu berücksichtigen sind!

 


Quellen
Degener, M. (2004). Unternehmenserfolg und soziale Verantwortung: Unternehmenskultur und Human Resource Management und deren Einfluss auf den ökonomischen Erfolg und das subjektive Erleben der Beschäftigten. Frankfurt am Main: Lang.
(Hinweis: Als Dissertation 2003 unter dem Titel: „Soziale Verantwortung und Unternehmenserfolg: Die Bedeutung der Unternehmenskultur und des Human Resources Management für den ökonomischen Erfolg“ erschienen)
Ulich, E. (2011). Arbeitspsychologie (7. Auflage). Zürich: vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich, Stuttgart: Schäffer-Poeschel.

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